Blog „Lebenskunst 50plus“

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  • Was ich mit über 50 auf einem Wassersofa an der türkischen Riviera über meine eigene Zerbrechlichkeit gelernt habe

    Was ich mit über 50 auf einem Wassersofa an der türkischen Riviera über meine eigene Zerbrechlichkeit gelernt habe

    Es gibt diese Angebote am Strand, an denen man als vernünftiger Mensch eigentlich vorbeigehen sollte. Ich meine dieses aufgeblasene Ding, das sich Wassersofa nennt, ein Gebilde aus zwei Schlaufen und viel zu viel Optimismus, das von einem Motorboot mit gnadenloser Geschwindigkeit übers Meer gezogen wird, während man sich daran festkrallt wie an das letzte bisschen Verstand, kreischt, jauchzt, und am Ende, durchnässt und außer Atem, glücklich ist, diese selbstgewählte Tortur überstanden zu haben. Freiwillig gebucht. Freiwillig bezahlt.
     
    Ich, über fünfzig, dachte: Warum eigentlich nicht.

    Das Unheil nahm seinen Lauf.

    Ich flog über harte Wellen, wie es sich für ein Wassersofa gehört, das seinem Namen so gar nicht gerecht wird. Und dann, ohne Vorwarnung, hob ich ab. Krachte zurück aufs Sofa. Und bekam keine Luft mehr.
     
    Mein Rücken sendete diesen einen, sehr eindeutigen, stechenden Schmerz, der einem sofort klarmacht: Da ist etwas kaputt. Da wäre was gebrochen, dachte ich, noch während ich versuchte, überhaupt wieder zu atmen. Wie ein nasser Sack wurde ich an Land geschleppt. Bewegungsunfähig. Ein Rollstuhl brachte mich ins Hotel, ein Krankentransporter weiter in eine Klinik.
     
    Zwei Stunden lag ich dort, im nassen Bikini, unter einer Klimaanlage, die offenbar auf „sibirischer Winter“ eingestellt war. Das Vertrauen in die anatolische Touristenmedizin nahm in dieser Zeit stetig ab. Der Frust darüber ließ mich zumindest irgendwann wieder aus dem Rollstuhl aufstehen. Der Schmerz war unerträglich. Die Kälte, muss ich zugeben, war es fast noch mehr.
     
    Man verabreichte mir eine Liste mit Schmerzmitteln. Und Ruhe. Was auch sonst – ich konnte mich kaum bewegen. Wieder mal eine Bandscheibe, die sich verabschiedet, dachte ich. Kenn ich ja schon. Dennoch ließ ich mein tägliches Krafttraining an diesem Tag lieber ausfallen. Ausnahmsweise

    Zurück in Deutschland: Dankbarkeit über einen schnellen MRT Termin .

    Ergebnis: Deckplattenimpressionsfraktur. Bone bruise. Knochenmarksödem. Der LWS 2 Wirbelkörper war gebrochen. Aber: ein stabiler Bruch, der keine Langzeitschäden mit sich zieht.
     
    Unter keinen Umständen Sport, sagte die Ärztin. Und ich hatte, das musste selbst sie zugeben, großes Glück gehabt. Keine Gefahr, dass Knochensplitter absplittern und ins Rückenmark eindringen.
     
    Ich bin haarscharf an einem Leben im Rollstuhl vorbeigeschrammt.
     
    Das erst einmal zu begreifen – das ist nicht leicht. Und gleichzeitig, ja, erleichternd. Wie zerbrechlich ein eigentlich intakter Körper sein kann. Das ist mir in diesem Moment mit einer Klarheit bewusst geworden, die ich mir so nie gewünscht hätte, und die ich trotzdem nicht mehr missen möchte.
     
    Die Heilung eines Wirbelbruchs ist langwierig. Dauert deutlich länger als ein gewöhnlicher Knochenbruch. Aber er wird heilen. Und das ist, wenn man kurz vor dem Rollstuhl stand, die einzige Zeile, die wirklich zählt.

    Fazit: Derart idiotische Angebote des sogenannten Spasswassersports werde ich fortan weiträumig umschiffen.

    Welche Erfahrung in deinem Leben hat dich an deine körperliche Zerbrechlichkeit erinnert? Wofür bist du dankbar? Schreibe mir DEINE Erfahrung!

  • Ich esse viel. Sehr viel. Und nehme trotzdem ab.

    Ich esse viel. Sehr viel. Und nehme trotzdem ab.

    Was passiert, wenn man einfach aufhört, sich zu quälen — und anfängt, richtig zu essen

    Ich quäle mich selbst. Mal wieder.

    Dieses schwere Kreuz, das ich so bereitwillig und so unfassbar schwer trage. Es hat vier Buchstaben. Es lebt. Und es erzeugt — wie ein donnerndes Unwetter, das im Anmarsch ist — eine unheilvoll drohende Angst. Man kann es beim Namen nennen, aber dann macht sich Schwere breit wie bei Lord Voldemort. Also flüstere ich es nur:

    Die Diät.

    Unheilvoll reden meine Gedanken auf mich ein. „Oh Mann, Britta. Wenn du morgen auf die Waage stehst, dann wirst du schockiert sein. So viel wie du wieder gefressen hast.“

    Ich möchte an dieser Stelle kurz einräumen, dass ich 176 Zentimeter groß bin, 50 Kilo wiege und tatsächlich ständig meine, ich müsste Diät halten oder abnehmen.

    Ich bin ein hoffnungsloser Fall.

    Aber ich lerne. Ich lerne, meinen Gedanken keinen Ernst mehr beizumessen. Denn mein Leben ist leider schon nicht mehr so lang — und ich hätte gerne noch etwas mehr Abenteuerleben, bevor ich lebenslänglich Opfer einer Diätkultur werde, die mir einredet, ich sei zu viel.

    Was in den letzten vier Wochen passiert ist

    Kein Alkohol. Der schmeckte mir schlicht nicht mehr — keine heroische Entscheidung, sondern eine ehrliche Beobachtung.

    Keine Süßigkeiten. Kein Eis, keine Schokolade, kein Gebäck. Ich möchte hier transparent sein: Zucker hat für mich Suchtcharakter. Wie Rauschgift. Wie Alkohol. Einmal drin, dreht sich das Karussell. Also: nicht rein.

    Aber — und das ist der entscheidende Teil — ich habe stattdessen sehr viel gegessen. Wirklich viel. Eigenkreationen, die sich kein Diät-Coach ausgedacht hätte:

    Was ich in den letzten vier Wochen gegessen habe — eine persönliche Bestandsaufnahme: Quark mit Eischnee, Banane und Wassermelone — cremig, frisch, sättigend und verdächtig lecker. China-Wokgemüse mit warmer Banane und Melone — ja, wirklich. Ja, warm. Ja, Melone. Es funktioniert.Berge an Salaten. Kartoffeln. Spargel mit Lammfilet.Geflügel, Rind, alles was wächst und schmeckt. Echtes Essen. Kein Diätshake, der außer dem Konto garantiert nichts schmälert.

    Und was ist passiert?

    Ich habe abgenommen. Obwohl ich wirklich viel gegessen habe.

    Verrückt? Nein. Eigentlich ganz logisch.

    Warum das funktioniert — ohne dass man es Diät nennen darf

    Industriezucker und Alkohol haben eine Gemeinsamkeit: Sie liefern Kalorien, die der Körper sofort als Energie verbucht — und wenn er sie nicht braucht, als Fett speichert. Gleichzeitig lösen beide Blutzuckerschwankungen aus, die Hunger erzeugen, obwohl man eigentlich satt ist. Das klassische Karussell.

    Echtes Essen — Gemüse, Proteine, komplexe Kohlenhydrate, gesunde Fette — macht länger satt. Der Blutzucker bleibt stabil. Das Gehirn bekommt, was es braucht. Und der Körper hört auf, nach dem nächsten Zuckerschub zu schreien.

    Das Verrückte: Man isst mehr Volumen — aber weniger von dem, was den Körper durcheinanderbringt. Und fühlt sich dabei besser. Nicht kasteiet. Nicht entzogen. Satt.

    Was wegfällt — und was das im Körper bewirkt:
    Industriezucker: kein Blutzuckerkarussell, kein künstlicher Hunger, kein Energietief nach zwanzig Minuten.
    Alkohol: kein leeres Kaloriengepäck, besserer Schlaf, weniger Cortisol, mehr Energie am Morgen.Fertigprodukte und Diätshakes: kein Chemie-Cocktail, der den Körper verwirrt und das Konto leert.
    Was bleibt: echtes Essen, echtes Sättigungsgefühl, echter Genuss.

    Zucker ist kein Genussmittel — es ist ein Suchtstoff

    Das klingt drastisch. Ich meine es trotzdem so.

    Zucker aktiviert dasselbe Belohnungssystem im Gehirn wie andere Suchtmittel: schnelle Dopaminausschüttung, kurzfristiges Hochgefühl, anschließendes Tief, erneutes Verlangen. Wer schon einmal versucht hat, einfach nur „ein Stück“ Schokolade zu essen und dann bei der halben Tafel aufgehört hat — der weiß, wovon ich rede.

    Das ist keine Charakterschwäche. Das ist Neurobiologie.

    Und deshalb hilft bei mir nur: gar nicht anfangen. Nicht weniger. Nicht manchmal. Nicht „an guten Tagen“. Einfach: nicht.

    Was stattdessen kommt? Der Quark mit Eischnee. Die warme Banane im Wok. Die Wassermelone um zehn Uhr abends, wenn die anderen zur Schokolade greifen würden. Klingt komisch. Schmeckt gut. Und ich wache am nächsten Morgen ohne schlechtes Gewissen auf.

    Intuitives Essen — der schönste Anti-Diät-Plan

    Es hat einen Namen, dieses Prinzip: intuitives Essen. Man isst, wenn man Hunger hat. Man isst, was der Körper wirklich möchte — nicht was der innere Kritiker verbietet oder die Diätindustrie empfiehlt. Man hört auf, wenn man satt ist.

    Klingt einfach. Ist es — sobald man aufgehört hat, dem Zucker das Kommando zu überlassen.

    Denn Zucker überschreibt das intuitive Essen. Er sagt: Mehr. Jetzt. Egal ob satt. Und man hört ihm zu, weil er laut ist.

    Ohne Zucker wird die eigene innere Stimme plötzlich vernehmlicher. Der Körper weiß eigentlich sehr gut, was er braucht — man muss ihm nur zuhören.

    Mein persönliches Fazit nach vier Wochen

    Mein Wohlbefinden ist auf einem hohen Energiezustand. Das ist keine Werbebotschaft. Das ist meine ehrliche Beobachtung.

    Ich esse viel. Ich esse gerne. Ich esse bunt und manchmal absurd — warme Melone, ich stehe dazu. Und ich fühle mich besser als in Wochen, in denen ich mir „erlaubt“ habe, Diät-Schokolade zu naschen und dafür ein schlechtes Gewissen zu pflegen.

    Das schlechte Gewissen verbraucht übrigens auch Energie. Sehr viel sogar. Energie, die man sinnvoller einsetzen könnte.

    Also: Ein Hoch auf Lebensmittel statt Selbstzerstörung.

    Ein Hoch auf den Quark mit Eischnee.

    Und ein großes, herzliches Auf Wiedersehen an Lord Voldemort — die Diät.

    Sie war nie meine Freundin. Ich brauche sie nicht.

    Spüre mal in dich rein, was könntest du mal als exotische Eigenkreation für dich zubereiten? Du wirst überrascht sein, wie lecker experimentelle Gerichte schmecken.

  • Was Leichtigkeit und geklaute Kirschen gemeinsam haben

    Was Leichtigkeit und geklaute Kirschen gemeinsam haben

    Ich bin neulich gewandert. Durch eine Region die mich an meine Kindheit in Ostwestfalen erinnert hat – Reihe um Reihe, Baum um Baum, soweit das Auge reicht. Scheinbar unendlich viele Kirschbäume. Eine ganze Landschaft voller roter, satter Punkte, leuchtend in der Sommersonne.
     
    Ich hab natürlich eine genommen. Okay, vielleicht auch zwei. Oder zwanzig.
     
    Geklaut, würde meine innere Meckerziege sagen. Aber dann kam die Erklärung von jemandem vor Ort: Diese Bäume werden extra nicht abgeerntet. Sie gehören den Wanderern. Und den Vögeln.
     
    Ich hab kurz geschluckt. Dann noch eine Kirsche genommen.
     
    Und während ich so dastand, mitten in dieser leisen, duftenden Plantage, mit rotem Saft an den Fingern und einem Lächeln das ich gar nicht geplant hatte – da dachte ich: Wann hab ich zuletzt so etwas gefühlt?
     
    Wann hab ich zuletzt einfach so angehalten. Einfach so gepflückt. Einfach so genossen.
     
    Die Kirsche kostet nichts. Das Innehalten auch nicht.
    Wir leben in einer Zeit in der alles optimiert, bewertet und verpackt sein muss. Selbst Freude muss sich lohnen. Selbst Pausen müssen produktiv sein. Selbst Genuss muss instagrammable sein.
     
    Aber eine Kirsche direkt vom Baum? Die ist einfach nur gut. Die schmeckt nach Sommer, nach Kindheit, nach dem Moment in dem man nichts anderes ist als jemand der gerade eine Kirsche isst.
     
    Kennst du dieses Gefühl noch? Dieses kleine, unspektakuläre Glück?
     
    Ein warmer Stein unter den Füßen. Der erste Schluck Kaffee am Morgen bevor der Tag anfängt. Ein Vogel, der singt und den man wirklich hört. Eine Kirsche die nach nichts anderem schmeckt als nach Kirsche.
     
    Die Stressforschung hat dafür einen Begriff: Mikro-Momente der Freude.

    Kleine Augenblicke, die das Nervensystem regulieren, den Parasympathikus aktivieren und uns buchstäblich gesünder machen. Nicht das große Wellness-Wochenende. Nicht der teure Urlaub. Sondern der Moment in dem wir wirklich da sind – mit allen Sinnen, ohne Handy, ohne To-Do-Liste.
     
    Was meine Kindheit darüber wusste
    Auf dem Bauernhof meiner Kindheit in Ostwestfalen gab es kein Konzept für Achtsamkeit. Niemand hat meditiert. Niemand hat Journaling betrieben. Aber jeder wusste wie sich eine reife Tomate direkt vom Strauch anfühlt. Wie Heu riecht wenn die Sonne drauf brennt. Wie Stille klingt wenn zwanzig Kühe zufrieden kauen.
     
    Das war keine Philosophie. Das war einfach das Leben.
     
    Irgendwann haben wir verlernt, so zu leben. Irgendwann wurde das Leben zu schnell, zu laut, zu voll. Und die kleinen Dinge – die Kirschen am Wegesrand – die haben wir aufgehört zu sehen.
     
    Mundraub als Lebenskunst
    Wissen Sie was mich an dieser Kirsch-Geschichte am meisten berührt hat?
     
    Dass jemand diese Bäume extra stehen lässt. Nicht für den Gewinn. Nicht für die Ernte. Sondern damit Wanderer innehalten. Damit Vögel singen. Damit jemand wie ich mitten auf einem Feldweg steht, roten Saft an den Fingern hat und für einen Moment vergisst, dass sie eigentlich noch hundert Dinge zu tun hat.
     
    Das ist Großzügigkeit in ihrer schönsten Form. Und gleichzeitig eine stille Einladung: Nimm dir Zeit. Nimm dir Freude. Nimm dir eine Kirsche.
     
    Das Leben hat uns diese Bäume extra stehen gelassen.
     
    Mein Landei-Anker für heute:
    Geh heute raus. Egal ob in den Garten, in den Park, auf einen Feldweg. Suche dir einen einzigen Moment der nichts kostet und nichts muss. Eine Kirsche. Ein Sonnenfleck. Ein tiefer Atemzug.
     
    Und dann bleibe kurz stehen. Einfach so.
     
    Das ist kein Luxus. Das ist Medizin.
     
     
    Herzliche Grüße aus dem Taunus – wo die Kirschen gerade prächtig leuchten
    Britta

  • Das Däumchen-Dilemma: Warum wir verlernt haben, wie Oma zu grübeln

    Das Däumchen-Dilemma: Warum wir verlernt haben, wie Oma zu grübeln

    Kennst du dieses schleichende, dumpfe Gefühl? Es nistet sich klammheimlich im Kopf ein. Es fängt an, Besitz von deiner geistigen Klarheit zu ergreifen. Ein permanentes Zwangsgrübeln. Gedanken, die im Kreis fahren und einfach niemals auf den Punkt kommen. Nach außen hin funktionierst du tadellos. Du gehst einkaufen, triffst Freunde, lächelst. Alles wirkt normal. Doch im Inneren herrscht dichter Nebel.

    Woher kommt der Grübelzwang?

    Ich selbst bin jetzt 53. Ich habe das Gefühl, dieses obsessive Nachdenken quasi mit der ostwestfälischen Muttermilch aufgesaugt zu haben. „Es liegt eben in den Genen“, sagt man dann gerne. Niemand kann etwas dafür. Nun, ich bin keine Ärztin. Ich komme vom Bauernhof, und da gelten ohnehin eigene Gesetze. Man denke nur an die vielen Bauernregeln, die für jede Lebenslage eine scheinbare Wahrheit bereithalten.
    Schon vor 40 oder 50 Jahren, als Kind auf dem Hof, war ich fasziniert vom Verhalten der Älteren. Meine Oma war mein liebstes Studienobjekt. Sie konnte stundenlang einfach nur dasitzen. Im Sommer saß sie im Schatten unter der großen Linde im Garten. Bei Regen zog sie sich in den Sessel ihrer Stube zurück. Manchmal saß sie auch auf einem klapprigen Holzstuhl mitten zwischen den Johannisbeerbüschen.

    Sie tat dabei scheinbar nichts. Ihre Hände waren ineinandergefaltet, und sie drehte Däumchen. Minutenlang in die eine Richtung. Dann, völlig ohne Vorankündigung, wechselte sie die Richtung. Ab und zu brummelte sie leise Klagelaute vor sich hin. Ein gedehntes „Weiß nicht… hach… neeein…“ hallte dann durch den Garten. Ich habe mich damals als Kind immer gefragt, welche tiefgreifenden, weltbewegenden Problematiken man wohl ausgerechnet zwischen zwei Johannisbeerbüschen zu lösen versucht.
    Heute, ein halbes Jahrhundert später, verstehe ich sie besser. Mein eigener Kopf ist oft randvoll mit Problemen, die mich komplett einnehmen. Für Außenstehende sind es wahrscheinlich Banalitäten. Für mich selbst sind es in diesen Momenten Grübeleien von existenzieller Bedeutung.

    Aber warum ist das so? Warum verlieren wir uns heute so sehr in diesem mentalen Labyrinth?
    Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Omas Grübeln und unserem heutigen Zustand. Wenn wir heute den Kopf ausschalten wollen, brauchen wir harte Bandagen.

    Wir betäuben uns.

    Wir scrollen stundenlang durch soziale Medien, streamen eine Serie nach der nächsten oder stürzen uns in permanente Beschäftigung. Oma reichte es völlig, zu sitzen, Däumchen zu drehen und ein paar Seufzer auszustoßen.
    Und genau hier liegt der Impuls, das große Aha-Erlebnis für uns heute.


    Oma hat damals nicht versucht, die Probleme der Welt im Kopf digital zu lösen.

    Ihr Däumchendrehen war kein Zeichen von Hilflosigkeit. Es war ihr persönliches Ventil. Es war die analoge Ur-Form des heutigen „Achtsamkeitstrends“. Indem sie die Daumen kreisen ließ, gab sie der Unklarheit einen physischen Raum, ohne sich von ihr erdrücken zu lassen. Das monotone Drehen lenkte den überreizten Verstand ab, während das laute Seufzen den Druck aus der Brust nahm. Sie hielt die Unklarheit einfach aus, anstatt sie mit Reizen zu übertönen.
    Wenn sich das nächste Mal der Nebel in deinem Kopf ausbreitet und du nach außen nur die Fassade hältst: Such dir deinen eigenen Johannisbeerbusch. Leg das Smartphone weg. Schalte den Fernseher aus. Lass die Finger kreisen und erlaube dir ein ehrliches, tiefes „Hach, neeein“. Klarheit entsteht nicht, indem wir den Lärm im Kopf mit noch mehr Lärm betäuben. Klarheit entsteht, wenn wir wie Oma den Mut haben, einfach mal sitzenzubleiben, bis der Sturm vorbeigeht.

    Klarheit entsteht, wenn Stille ausgehalten werden kann.

    Übung: Setze dich wie meine Oma hin und drehe Däumchen. Stell dir vor, alles löst sich nun an Spannungen in dir auf, die Drehbewegung deiner Daumen erfüllt dich ganz im Moment. Steigere die Konzentration, indem du einen herzhaften Klagelaut rauslässt. Schreibe mir deine Erfahrung in den Kommentaren!

  • „This is Food.“ – Was soll das denn?!

    „This is Food.“ – Was soll das denn?!


    Es gibt Momente, in denen man in einem ganz normalen Drogeriemarkt steht und sich fragt, ob man versehentlich in eine Parallelwelt geraten ist. Eine Welt, in der Flüssigkeiten in Plastikflaschen als Mahlzeiten gelten und Pulver in Tüten das Ende der Kochkunst einläuten.
    Ich wollte Wattepads kaufen. Ich kam mit einer Lebensphilosophie heraus.
    Denn da stand es. Auf einer Flasche mit bräunlicher Flüssigkeit. In großen, selbstbewussten Druckbuchstaben:
    THIS IS FOOD.
    Ich schaute auf die Flasche. Dann nochmal auf die Aufschrift. Dann wieder auf die Flasche.
    Ist es das?

    Oma hätte kurz geschaut – und dann gelacht Meine Großeltern, Jahrgang 1909, haben eine Weltwirtschaftskrise und einen Weltkrieg überlebt. Sie wussten was echter Hunger ist. Sie wussten was echtes Essen ist. Hätte man ihnen diese Flasche gereicht, hätten sie – nach einem kurzen verwunderten Blick – gefragt: „Kind, bist du krank? Soll ich dir eine Suppe kochen?“ Meine Eltern, Jahrgang 1940, hätten schlicht gefragt: „Aber wo ist das Essen?“ Gute Frage. Verdammt gute Frage.

    Der Kilopreis-Moment der Erleuchtung Dann kam mein persönlicher Lieblingsmoment im Supermarkt: der Kilopreisblick. 25 Euro. 35 Euro. Ein besonders ambitioniertes Produkt: 42 Euro pro Kilo. 42 Euro pro Kilo. Für Pulver. Das man in Wasser auflöst. Das nach nichts schmeckt. Das man nicht kauen kann. Das aussieht wie das, was übrig bleibt, wenn man Essen vergisst. Für 42 Euro pro Kilo bekomme ich feinstes Bio-Lamm. Ich kann es anfassen. Daran riechen. Es braten, würzen, schlemmen. Und – revolutionärer Gedanke – ich darf dabei meine Zähne benutzen. Ich musste innerlich lachen. Dieses tiefe, staunende Lachen, das einen überkommt wenn man begreift, dass die Welt vollkommen verrückt geworden ist.

    Mein Rezept für den perfekten Diätshake Ich habe zuhause kurz nachgedacht. Und eine bahnbrechende Erkenntnis gewonnen: Man nehme Naturjoghurt. Verdünne ihn mit etwas Wasser. Gebe einen Spritzer Zitrone dazu. Fertig. Selbstgemachter Shake. Mehr Nährstoffe. Echter Geschmack. Kalorienärmer als das Regalprodukt. Kosten: Etwa 80 Cent. Aber das lässt sich natürlich nicht mit einem englischen Namen versehen, in eine Hochglanzflasche füllen und für 35 Euro pro Kilo verkaufen. Also vergessen wir das schnell wieder.

    Was mein Körper wirklich denkt Ich bin eine Frau über 50. Mein Körper und ich haben eine lange, manchmal turbulente, aber ehrliche Beziehung. Und er hat mir in all den Jahren nie – wirklich nie – gesagt: „Bitte gib mir etwas, das ich nicht kauen muss.“ Denn Kauen ist kein lästiger Zwischenschritt. Kein archaisches Überbleibsel der Evolution, das die Nahrungsmittelindustrie endlich für uns abgeschafft hat. Kauen ist Teil des Essens. Es beginnt die Verdauung. Es gibt dem Gehirn Zeit zu begreifen, dass Nahrung angekommen ist. Das Knacken einer frischen Karotte. Das Zerbeißen von echtem Brot mit echter Kruste. Das langsame, genussvolle Kauen von etwas, das tatsächlich nach etwas schmeckt. Das ist kein Luxus. Das ist Essen.

    Die einfachste Ernährungsregel der Welt Iss Dinge, die aussehen wie das, was sie sind. Dinge, die deine Großmutter erkannt hätte. Dinge, bei denen du kauen darfst – ja, sogar musst. Eine Tomate sieht aus wie eine Tomate. Ein Ei wie ein Ei. Haferflocken wie Haferflocken. Eine braune Flüssigkeit in einer Plastikflasche sieht aus wie… nun ja. Entscheiden Sie selbst. Mein Körper weiß was er bekommt, wenn ich ihm echte Zutaten gebe. Er muss sie nicht erst entschlüsseln. Er kennt sie – seit Jahrtausenden. Kein Körper wurde jemals für Pulver in Plastikflaschen optimiert. Auch meiner nicht. Auch deiner nicht. This is Food? Nein. Das da drüben – das ist Food.

  • Waldbaden mit Pipi Langstrumpf

    Über innere Klarheit, den Wald und das Kind, das zu klein war.

    Es gibt Menschen, die meditieren. Die setzen sich hin, schliessen die Augen und werden innerlich still. Ich habe das versucht. Mehrfach. Ich sitze dann da, atme tief durch – und denke an die Wäsche in der Maschine. Dann an die E-Mail, die ich noch nicht beantwortet habe. Dann frage ich mich, ob ich eigentlich weiss, wo mein Reisepass ist.

    Stille ist offenbar nicht mein Format.

    Mein Weg zur inneren Klarheit führt durch den Wald. Seit ich ungefähr vier war. Damals allerdings aus einem anderen Grund: Ich war das Nesthäkchen. Meine Geschwister waren acht und zwölf Jahre älter – was bedeutete, dass ich für ihre Welten ungefähr so bedeutsam war wie ein Hamster im Käfig. Man sah mich. Man fand mich nervig.

    Also war ich viel alleine. Und weil Alleinsein für ein Kind ohne Handy – Gott sei Dank, es gab noch kein Handy – irgendwie gefüllt werden muss, war ich viel im Wald.

    Dort war ich Pippi Langstrumpf. Pippi hatte ein Pferd und einen Affen und einen Koffer voller Goldmünzen. Ich hatte den ganzen Wald. Ich liess Bäume sprechen. Ich machte aus Blindschleichen Drachen und aus einem umgestürzten Buchenstamm einen Thronsaal. Ich war nicht das Kind, das zu klein war. Ich war eine Herrscherin. Über ein Königreich aus Moos und Morgenlicht und dem leisen Rascheln von Dingen, die sonst niemand hörte.

    Heilprozess ohne Rezept.

    Heute gehe ich immer noch in den Wald. Ohne Handy. Das ist der entscheidende Punkt – ohne Handy. Mit Handy geht man nicht in den Wald. Man geht neben sich selbst her, schaut auf einen Bildschirm und nennt es Spaziergang.

    Ohne Handy passieren Dinge.

    Man hört die Vögel – und zwar wirklich, nicht als Kulisse. Eine Amsel ruft, und plötzlich merkt man, dass man seit zehn Minuten an nichts anderes gedacht hat als an diese Amsel. Das ist, nüchtern betrachtet, das Gegenteil von dem, womit ich den Rest meines Tages verbringe.

    Man riecht das Wild. Dieser Geruch – ein bisschen nach Erde, ein bisschen nach etwas, das schon vor uns da war und nach uns noch da sein wird – der erinnert mich daran, dass ich ein Tier bin. Ein denkendes, planendes, gelegentlich überdrehendes Tier. Aber ein Tier. Das hilft. Das hilft erstaunlich viel.

    Man entdeckt Blindschleichen. Kleine schimmernde Wesen, die keine Zeit haben und trotzdem nie hetzen. Ich beobachte sie und denke: Genau das. Genau so.

    Und dann ist da das Licht. Wie es sich jeden Tag anders durch die Kronen schiebt. Im Mai riecht der Wald nach Aufbruch, im Oktober nach Abschied, im Januar nach ehrlicher Kälte. Derselbe Wald. Jeden Tag neu. Jeden Tag ein bisschen anders als gestern.

    Die Natur als Vorbild.

    Mit fünfzig sieht man sich selbst klarer – oder man glaubt es zumindest. Tatsächlich sieht man sich anders. Manches, das man für Stärke hielt, war Anpassung. Manches, das man für Schwäche hielt, war Überlebensstrategie. Und manches – das ist das Erschütternde und das Schöne zugleich – manches ist einfach noch da. Das Kind, das zu klein war. Die Herrscherin über das Königreich aus Moos.

    Ich tue manchmal noch Dinge, die ich an mir nicht mag. Ich falle zurück in Muster, die ich längst überwunden haben wollte. Und dann stehe ich im Wald und schaue auf eine Blindschleiche und denke: Der Prozess – das ist es, was Leben ist. Nicht das Ankommen. Der Prozess.

    Die Buche wächst einen halben Meter im Jahr. Sie zweifelt nicht, ob das genug ist. Sie wächst einfach.

    Ich finde das tröstlich. Ich finde das, ehrlich gesagt, das Klügste, was ich je im Wald gelernt habe.

    Innere Klarheit bedeutet für mich nicht, alle Antworten zu haben.

    Es bedeutet: Wald. Vögel. Blindschleiche. Der Geruch von feuchter Erde nach Regen. Licht, das durch Buchenkronen flackert wie eine sehr langsame, sehr stille Disco.

    Irgendwo zwischen dem zweiten und dem dritten Kilometer passiert es dann. Die Gedanken ordnen sich nicht – sie werden still. Nicht für immer. Nicht vollständig. Aber genug.

    Genug, um klarer zu sehen, wer ich bin und wer ich vielleicht noch werden will.

    Pippi brauchte dafür ein Pferd.

    Ich brauche feste Schuhe, den Wald – und das entschlossene Schweigen meines Handys in der Jackentasche.

    Nicht schlecht für jemanden, der zu klein war.

    Britta Schäfer | Autorin & Publizistin | lebenskunst50plus.de

  • Weshalb der Einkaufswagen kein Krafttraining ersetzt

    Weshalb der Einkaufswagen kein Krafttraining ersetzt

    Neulich stand ich im Drogeriemarkt vor dem Regal mit den Magnesiumpräparaten und dachte: Interessant. Mit zwanzig kaufte ich Lippenstift. Mit dreißig Anti-Falten-Creme. Mit vierzig Nahrungsergänzungsmittel gegen diffuse Erschöpfung. Und jetzt lese ich freiwillig Packungsbeilagen, auf denen „Knochengesundheit“ steht.


    Willkommen in der Lebensphase, in der der Körper plötzlich beginnt, Betriebsversammlungen ohne uns abzuhalten. Ab 50 verändert sich bei Frauen nämlich einiges. Leider nicht nur die Fähigkeit, samstags bis zwei Uhr nachts zu tanzen und sonntags trotzdem frisch auszusehen. Vor allem die Muskulatur verändert sich. Und zwar schneller, als viele denken.


    Der medizinische Begriff dafür lautet Sarkopenie. Klingt wie eine griechische Vorspeise, ist aber der altersbedingte Muskelabbau. Ab etwa dem 30. Lebensjahr verlieren wir schleichend Muskelmasse. Mit den Wechseljahren beschleunigt sich dieser Prozess deutlich, weil der sinkende Östrogenspiegel Einfluss auf Muskeln, Knochen und Stoffwechsel hat.


    Das Gemeine daran: Muskeln verschwinden still. Sie schicken keine Kündigung per Einschreiben. Sie gehen einfach. Erst merkt man, dass die Wasserkiste schwerer wird. Dann, dass man sich beim Aufstehen vom Boden irgendwie „abstützt“. Irgendwann denkt man beim Anblick einer steilen Treppe: Ach, ein Aufzug wäre jetzt emotional wichtig.
    Viele Frauen reagieren darauf mit dem berühmten Satz:
    „Ich müsste eigentlich mal wieder etwas Sport machen.“


    Ein Satz, der oft direkt neben „Nach dem Urlaub fange ich an“ wohnt.Denn natürlich gibt es Gründe. Immer. Keine Zeit. Knie. Wetter. Arbeit. Müdigkeit. Wechseljahre. Der Hund. Der Mann. Die Weltlage. Und überhaupt ist man nach einem langen Tag manchmal schon stolz, wenn man abends noch die Küche aufräumt und nicht einfach daneben liegen bleibt.


    Das Problem ist nur: Unser Körper verhandelt nicht mit Ausreden.


    Muskelmasse ist keine ästhetische Nebensache. Sie ist ein Gesundheitsfaktor. Muskeln stabilisieren Gelenke, schützen vor Stürzen, verbessern die Haltung, unterstützen den Stoffwechsel und helfen sogar dabei, den Blutzucker stabil zu halten. Außerdem sind sie ein entscheidender Schutz gegen Osteoporose.


    Frauen haben nach den Wechseljahren ein deutlich erhöhtes Risiko für Osteoporose, also den Verlust von Knochendichte. Knochen werden poröser und bruchanfälliger. Das passiert lange unbemerkt. Viele erfahren erst davon, wenn etwas bricht.
    Krafttraining wirkt genau hier wie eine Art biologische Erinnerung an den Körper:
    „Hallo, wir brauchen diese Knochen noch.“
    Belastung stärkt Knochen. Muskeln ziehen an den Knochen, der Knochen reagiert darauf mit Aufbauprozessen. Das ist keine Fitnessstudio-Propaganda, sondern gut untersucht. Regelmäßiges Krafttraining kann helfen, Muskelabbau zu verlangsamen, die Knochendichte zu erhalten und das Risiko für Stürze und Frakturen zu senken.
    Und nein: Niemand muss dafür aussehen wie eine Bodybuilderin.
    Dieser Mythos hält sich erstaunlich hartnäckig. Viele Frauen denken bei Krafttraining sofort an Eiweißshakes, Reifen um den Bauch und Männer, die „Bro“ sagen. Dabei geht es in Wahrheit um etwas viel Unromantischeres und gleichzeitig viel Wichtigeres: selbstständig bleiben.
    Die Einkaufstaschen tragen können.
    Ohne Hilfe aus der Badewanne aufstehen.
    Mit siebzig noch reisen.
    Mit achtzig noch Treppen gehen.


    Das Ziel ist nicht der perfekte Po. Das Ziel ist Vitalität und Gesundheit erhalten bis ins hohe Alter. Es ist nie zu spät anzufangen.
    Studien zeigen, dass selbst Menschen mit 70 oder 80 noch Muskulatur aufbauen können. Der Körper reagiert erstaunlich dankbar auf Reize. Zwei- bis dreimal pro Woche moderates Krafttraining reichen oft schon aus, um positive Effekte zu erzielen.
    Das muss nicht einmal ein Fitnessstudio sein. Übungen mit dem eigenen Körpergewicht, Widerstandsbändern oder kleinen Hanteln sind ein hervorragender Einstieg. Kniebeugen an der Küchenarbeitsplatte. Wandsitz beim Zähneputzen. Hanteltraining vor der Lieblingsserie. Alles zählt.


    Wichtig ist vor allem Regelmäßigkeit.
    Und vielleicht auch ein neuer Blick auf das Thema.
    Denn viele Frauen unserer Generation wurden sozialisiert mit der Idee, möglichst wenig Raum einzunehmen. Schlank sein. Leise sein. Gefällig sein. Kraft war oft eher etwas für Männer.
    Vielleicht ist genau jetzt der Moment gekommen, das zu ändern. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Fürsorge.
    Für den eigenen Körper, der jahrzehntelang funktioniert hat, obwohl wir ihn mit Schlafmangel, Diäten, Stress und schlechtem Bürostuhlmanagement behandelt haben. Vielleicht verdient er jetzt etwas Unterstützung.


    Plötzlich ist Krafttraining am Ende gar nicht nur Training, sondern reine Selbstfürsorge!


    Welche Kraftübungen magst du? Ich empfehle Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht- probiere mal Liegestütze- der ganze Körper ein einziger Kraftakt! Dazu dann noch deine Lieblingsmusik und ein stolzes Lächeln.

  • Hamsterräder für Menschen: Warum Oma und Opa über Fitnessstudios nur den Kopf geschüttelt hätten

    Hamsterräder für Menschen: Warum Oma und Opa über Fitnessstudios nur den Kopf geschüttelt hätten

    Stellt euch vor, ich hätte meinem Opa vor 35 Jahren erklärt, dass ich monatlich Geld dafür bezahle, um in einem stickigen Raum auf einem Gummiband zu rennen, das sich nicht von der Stelle bewegt. Er hätte wahrscheinlich kurz an seinem Löffel poliert, mich stumm angesehen und sich insgeheim gefragt, ob ich zu viel von den gärenden Falläpfeln genascht hätte.

    In meiner Kindheit auf dem Land ( ich bin Jahrgang 1973 ) war „Bewegung“ kein Termin im Kalender. Es war das Leben selbst. Es gab keine Stepper, es gab Treppen zum Heuboden. Es gab keine Hanteln, es gab Milchkannen und Brennholz.

    Das „Laufband“ war der Acker und Muskeln gab es vom Schubkarren fahren.

    Meine Eltern und Großeltern hätten ein Laufband damals wahrscheinlich für eine neue Art von Förderband zur Getreidereinigung gehalten. Die Idee, sich zu bewegen, ohne dabei eine Arbeit zu verrichten, wäre ihnen völlig absurd vorgekommen.

    Auf dem Bauernhaus war Bewegung immer mit Sinn fürs (Über-) Leben verknüpft:

    • Man rannte nicht, um Kalorien zu verbrennen, sondern weil die Hühner ausgebüxt waren.

    • Man hob keine Gewichte, sondern man „wuppte“ die schweren Jutesäcke mit den Kartoffeln in den Keller.

    • Man machte keine Kniebeugen (Squats!), sondern man bückte sich stundenlang beim Unkrautjäten.

    Das Ergebnis? Sie waren fit. Nicht „Instagram-Model-fit“ mit definierten Bauchmuskeln, sondern „Bauern-stark“. Eine Kraft, die aus den Sehnen kam und ein Leben lang hielt.

    Frische Luft: Das natürliche Antidepressivum

    Heute sprechen wir von „Waldbaden“ als moderne Stressbewältigungsstrategie. Meine Oma hätte dazu nur gesagt: „Kind, geh mal raus an die Luft, du siehst ganz käsig aus.“

    Wenn ich heute Frauen berate, die unter Essanfällen leiden, merke ich oft: Uns fehlt der Sauerstoff. Wir sitzen in klimatisierten Büros, starren auf blaue Bildschirme und wundern uns, warum unser Nervensystem Amok läuft und nach Zucker schreit.

    Früher war die Tür immer offen. Der Wind, der Regen, die Sonne – das alles hat unseren Körper reguliert. Wer den ganzen Tag bei Wind und Wetter draußen war, dessen Körper verlangt abends nach einem ehrlichen Eintopf und nicht nach einer Tüte Gummibärchen aus purer Langeweile oder Frust. Und: Es gab viel weniger industrielle Nahrung!

    Wir müssen ja zum Glück nicht alle zurück auf den ollen Bandscheibenvorfallgenerator namens Traktor, um vital zu sein. Aber wir könnten mit einem neugierigen Blick auf diese selten gewordene Gattung Landeier nach positiven menschlichen Selbstverständlichkeiten Ausschau halten.

    Mein Opa und meine Eltern hätten uns vermutlich ausgelacht, wie wir uns heute abmühen, um „fit“ zu bleiben. Aber sie hätten Mitleid gehabt. Weil wir den Bezug dazu verloren haben, dass Bewegung Freude macht, wenn sie uns mit der Natur verbindet.

    • Vergiss den „Sport-Druck“: Bewegung darf wieder nützlich sein. Geh zu Fuß zum Einkaufen und schlepp die Taschen nach Hause. Das ist dein Training!
    • Raus aus dem Muff: Wenn du merkst, dass der Zucker-Heißhunger kommt, geh vor die Tür. Atme die echte Luft, nicht die aus der Klimaanlage. Dein Gehirn braucht Sauerstoff, um logische Entscheidungen zu treffen.
    • Hör auf zu zählen: Opa hat keine Schritte gezählt. Er hat gearbeitet, bis die Arbeit fertig war, und sich dann zufrieden auf die Bank vor dem Haus gesetzt. Dieses „Ankommen“ nach der Bewegung ist das, was uns heute fehlt.

    Also: Schnapp dir deine Jacke, lass das Laufband links liegen und geh mal eine Runde über ein unebenes Feld. Dein Sättigungsgefühl, deine Nerven und dein „innerer Opa“ werden es dir danken.

    Fazit: Dein Körper will die Welt spüren

    Wie wäre es mit diesen nächsten Schritten? Schreibe mir von deinen Naturwalks!

  • Hunger -was Opas Löffel damit verbindet

    Hunger -was Opas Löffel damit verbindet

    Habt ihr euch schon mal gefragt, warum wir heute essen, als müssten wir einen Marathon gewinnen, den wir gar nicht laufen? In meiner Kindheit auf unserem Bauernhof gab es eine Szene, die ich als Kind (bin 73- er Jahrgang) nie verstanden habe: Mein Opa, Jahrgang 1903 zog vor jeder Mahlzeit seinen Löffel aus der Hosentasche, löffelte damit seinen Eintopf- den es unter der Woche bei uns täglich gab- leckte ihn nachdem er satt war blitzblank ab und verstaute ihn wieder sicher am Mann. Als wäre das eine völlig normale Handlung. Wozu sollte man ihn in die Spüle tun?

    Für mich war das einfach eine schräge Opa-Angewohnheit. Hatten die in Russland in der Kriegsgefangenschaft keine Löffel? Ich malte mir in meiner Kinderfantasie aus, dass jeder ein Besteck erhielt, so wie wir Kinder damals zur taufe, dieses personalisierte Kinderbesteckset geschenkt bekamen..
    Heute sehe ich das anders: Dieser Löffel war für ihn das Symbol für Überleben. Wer seinen Löffel hatte, war bereit für die nächste Mahlzeit. Wer keinen hatte, ging leer aus. Der Löffel war die Versicherung gegen den Hunger.

    Den Wert einer Mahlzeit bis zum letzten Tropfen zu spüren.

    Obwohl wir heute im Überfluss leben, tragen viele von uns diesen „unsichtbaren Löffel“ in der Tasche. Wir essen auf Autopilot, wir schaufeln rein, wir haben Angst, nicht genug zu bekommen – oder wir bestrafen uns mit Essen. Wir haben verlernt, was mein Opa trotz (oder gerade wegen) seiner Erlebnisse noch konnte:

    Wie sich „Satt“ früher anfühlte: Auf dem Hof gab es eine natürliche Ordnung des Sattseins, die nichts mit Kalorienzählen zu tun hatte:

    • Essen hatte ein Gesicht: Die Kartoffeln hatten wir selbst aus der Erde gebuddelt. Wer sein Essen persönlich kennt, schlingt nicht so leicht.
    • Satt war nicht „vollgepropft“: Satt bedeutete, genug Kraft für die nächste Schicht im Stall zu haben. Es war ein wohliger Zustand der Energie, kein Koma auf der Couch.
    • Essen hatte eine Zeit: Es wurde gegessen, wenn die Glocke läutete oder die Arbeit getan war. Nicht zwischendurch am Laptop.


    Das Sättigungsgefühl neu finden (ohne Kriegsgefangenschaft)


    Langjährige Diätphasen zerstören unser natürliches Essverhalten zutiefst. Mit dem Heilungsweg muss das Sättigungsgefühl mühsam wiedergefunden werden. Nach Jahren der Extremdiäten unter wohlwollenden Augen unserer Gesellschaft, die Schlankheit als das Schönheitsideal schlechthin favorisiert, fühlte ich mich irgendwie „verbunden“ mit dem offenkundigen Leidensweg meines Opas in Sibirien – immer auf der Suche nach der nächsten „Sicherheit“ in Form von Zucker.
    Was mir geholfen hat, den Autopiloten auszuschalten? Ich habe angefangen, meinen inneren „Opa“ zu beruhigen:

    • „Es ist genug da“: Ich sage mir heute bewusst: Die Vorratskammer ist voll. Ich muss nicht alles jetzt essen. Der Löffel darf in der Schublade bleiben.
    • Das „Ablecken“ zelebrieren: Nicht hektisch die nächste Gabel nachschieben, sondern den Geschmack des letzten Bissen wirklich auskosten. So wie Opa seinen Löffel.
    • Die Arbeit spüren: Wenn ich merke, dass ich nur aus Stress esse, frage ich mich: „Habe ich gerade wirklich Hunger oder brauche ich eigentlich nur eine Pause vom ‚Stall ausmisten‘ des Alltags?“ Das übrigens ist mein totaler Ankerpunkt!


    Opa hat seinen Löffel nie verloren. Und wir sollten unser Gefühl für uns selbst nicht verlieren. Sättigung beginnt im Kopf, wenn die Seele merkt: Ich bin sicher. Es ist genug für alle da.
    Vielleicht probiert ihr es heute mal aus: Legt den Löffel (oder die Gabel) nach jedem zweiten Bissen bewusst hin. Spürt mal rein. Seid ihr schon „hof-satt“ oder esst ihr noch für die „Hungersnot“?

    Was ist deine „Löffel-Geschichte“?
    Gab es in deiner Familie auch diese Macken, die eigentlich tiefe Spuren der Geschichte waren? Und wie merkst du heute, wenn du wirklich satt bist?

  • Warum innere Klarheit dein Gewinn ist

    Warum innere Klarheit dein Gewinn ist

    Wir haben Jahrzehnte damit verbracht, Rollen auszufüllen, von denen wir meinten, dass sie zu uns gehören. Wir waren die belastbaren Mütter, die verständnisvollen Partnerinnen, die loyalen Kolleginnen und die Töchter, die alles zusammenhalten. Wir haben funktioniert, organisiert und oft die Bedürfnisse anderer vor unsere eigenen gestellt. Das war nicht falsch – es war ein Teil unseres Weges.

    Aber mit 50 plus klopft eine neue Frage an die Tür: Wer bin ich eigentlich, wenn ich niemandem mehr etwas beweisen muss?

    Das Ablegen der alten Kleider. Unsere Rollenmuster sind wie Kleidungsstücke, die uns lange Zeit Schutz und Struktur gegeben haben. Doch viele von uns merken jetzt: Sie zwicken. Sie sind zu eng geworden oder passen schlichtweg nicht mehr zu der Frau, die wir heute sind. Diese Muster zu überdenken, erfordert Mut. Es bedeutet, ehrlich zu fragen: Tue ich das, weil ich es will, oder weil man es von mir erwartet?

    Oft unterschätzen wir unsere Fähigkeiten, weil sie für uns „normal“ geworden sind. Aber schau einmal genau hin: Welche Dinge tust du mit einer Leichtigkeit, die andere bewundern?

    Wofür hast du früher gebrannt, bevor der Alltag das Feuer klein gehalten hat? Welche Weisheit hast du durch deine Lebenserfahrung gewonnen, die kein Lehrbuch vermitteln kann? Was macht dich zum Unikat? Es müssen nicht immer die großen „Oprah W.“ Momente sein. Nein. Es reicht, wenn wir wissen, was uns ausmacht im Kern. Das ist das Besondere und genau das darfst du würdigen!

    Sich aufzumachen und nach dem eigenen Kern zu suchen, ist keine egoistische Phase – es ist eine notwendige Heimkehr zu sich selbst.

    Was macht dich aus?

    Deine wahren Stärken liegen oft dort, wo deine Freude wohnt.

    Dein Kern ist das, was übrig bleibt, wenn der Trubel im Außen verstummt. Was hält uns zurück? Die unsichtbaren Bremsen. Der Weg zur eigenen Seele ist selten ohne Hindernisse. Oft sind es alte Glaubenssätze, die uns hemmen: „Dafür bin ich zu alt“, „Was sollen die Nachbarn denken?“ oder „Ich kann doch jetzt nicht alles umwerfen“. Diese Stimmen sind die Wächter unserer Komfortzone. Sie wollen uns in Sicherheit wiegen, halten uns aber gleichzeitig klein. Der größte Hemmschuh ist meist die Angst, den Erwartungen anderer nicht mehr zu entsprechen. Die Antwort liegt in der Stille: Die innere Stimme.

    Wie finden wir Klarheit in diesem emotionalen Umbruch? Nicht durch noch mehr Ratgeber oder Gespräche im Außen, sondern durch das Zuhören. Deine innere Stimme – nenne sie Intuition, Bauchgefühl oder Seelenruf – weiß genau, wohin die Reise gehen soll. Sie flüstert oft nur. Um sie zu hören, brauchen wir Momente der Stille, Spaziergänge im Wald oder das morgendliche Schreiben in ein Tagebuch. Je öfter wir hinhören, desto lauter und klarer wird die Richtung.

    Klarheit besiegt die Angst

    Der schönste Nebeneffekt dieser neuen Klarheit ist eine tiefe Befreiung: Die Angst vor dem Versagen verliert ihre Macht. Wenn du weißt, wer du im Kern bist und was dich wirklich ausmacht, gibt es kein „Falsch“ mehr. Du musst nicht mehr perfekt funktionieren, du darfst echt sein. Sobald du dir über deinen eigenen Seelenweg im Klaren bist, wird der Mut zum nächsten Schritt ganz natürlich folgen. Es geht nicht darum, plötzlich alles perfekt zu machen. Es geht darum, endlich die Hauptrolle im eigenen Leben zu übernehmen.

    Übung: Setze dich einige Minuten still hin- dorthin, wo du dich sicher fühlst. Schliesse deine Augen. Konzentriere dich darauf, was dir als Kind Freude gemacht hat. Würdige das. Lass es zu, dass genau dieser Weg sich öffnet und du ihn als reife Frau neu eroberst. Alles ist möglich. Zeit ist nicht Zeitpunkt. Der Zeitpunkt ist immer richtig, wenn du es zulässt. Schreibe mir deine Erfahrung in den Kommentaren!