Über innere Klarheit, den Wald und das Kind, das zu klein war.
Es gibt Menschen, die meditieren. Die setzen sich hin, schliessen die Augen und werden innerlich still. Ich habe das versucht. Mehrfach. Ich sitze dann da, atme tief durch – und denke an die Wäsche in der Maschine. Dann an die E-Mail, die ich noch nicht beantwortet habe. Dann frage ich mich, ob ich eigentlich weiss, wo mein Reisepass ist.
Stille ist offenbar nicht mein Format.
Mein Weg zur inneren Klarheit führt durch den Wald. Seit ich ungefähr vier war. Damals allerdings aus einem anderen Grund: Ich war das Nesthäkchen. Meine Geschwister waren acht und zwölf Jahre älter – was bedeutete, dass ich für ihre Welten ungefähr so bedeutsam war wie ein Hamster im Käfig. Man sah mich. Man fand mich nervig.
Also war ich viel alleine. Und weil Alleinsein für ein Kind ohne Handy – Gott sei Dank, es gab noch kein Handy – irgendwie gefüllt werden muss, war ich viel im Wald.
Dort war ich Pippi Langstrumpf. Pippi hatte ein Pferd und einen Affen und einen Koffer voller Goldmünzen. Ich hatte den ganzen Wald. Ich liess Bäume sprechen. Ich machte aus Blindschleichen Drachen und aus einem umgestürzten Buchenstamm einen Thronsaal. Ich war nicht das Kind, das zu klein war. Ich war eine Herrscherin. Über ein Königreich aus Moos und Morgenlicht und dem leisen Rascheln von Dingen, die sonst niemand hörte.
Heilprozess ohne Rezept.
Heute gehe ich immer noch in den Wald. Ohne Handy. Das ist der entscheidende Punkt – ohne Handy. Mit Handy geht man nicht in den Wald. Man geht neben sich selbst her, schaut auf einen Bildschirm und nennt es Spaziergang.
Ohne Handy passieren Dinge.
Man hört die Vögel – und zwar wirklich, nicht als Kulisse. Eine Amsel ruft, und plötzlich merkt man, dass man seit zehn Minuten an nichts anderes gedacht hat als an diese Amsel. Das ist, nüchtern betrachtet, das Gegenteil von dem, womit ich den Rest meines Tages verbringe.
Man riecht das Wild. Dieser Geruch – ein bisschen nach Erde, ein bisschen nach etwas, das schon vor uns da war und nach uns noch da sein wird – der erinnert mich daran, dass ich ein Tier bin. Ein denkendes, planendes, gelegentlich überdrehendes Tier. Aber ein Tier. Das hilft. Das hilft erstaunlich viel.
Man entdeckt Blindschleichen. Kleine schimmernde Wesen, die keine Zeit haben und trotzdem nie hetzen. Ich beobachte sie und denke: Genau das. Genau so.
Und dann ist da das Licht. Wie es sich jeden Tag anders durch die Kronen schiebt. Im Mai riecht der Wald nach Aufbruch, im Oktober nach Abschied, im Januar nach ehrlicher Kälte. Derselbe Wald. Jeden Tag neu. Jeden Tag ein bisschen anders als gestern.
Die Natur als Vorbild.
Mit fünfzig sieht man sich selbst klarer – oder man glaubt es zumindest. Tatsächlich sieht man sich anders. Manches, das man für Stärke hielt, war Anpassung. Manches, das man für Schwäche hielt, war Überlebensstrategie. Und manches – das ist das Erschütternde und das Schöne zugleich – manches ist einfach noch da. Das Kind, das zu klein war. Die Herrscherin über das Königreich aus Moos.
Ich tue manchmal noch Dinge, die ich an mir nicht mag. Ich falle zurück in Muster, die ich längst überwunden haben wollte. Und dann stehe ich im Wald und schaue auf eine Blindschleiche und denke: Der Prozess – das ist es, was Leben ist. Nicht das Ankommen. Der Prozess.
Die Buche wächst einen halben Meter im Jahr. Sie zweifelt nicht, ob das genug ist. Sie wächst einfach.
Ich finde das tröstlich. Ich finde das, ehrlich gesagt, das Klügste, was ich je im Wald gelernt habe.
Innere Klarheit bedeutet für mich nicht, alle Antworten zu haben.
Es bedeutet: Wald. Vögel. Blindschleiche. Der Geruch von feuchter Erde nach Regen. Licht, das durch Buchenkronen flackert wie eine sehr langsame, sehr stille Disco.
Irgendwo zwischen dem zweiten und dem dritten Kilometer passiert es dann. Die Gedanken ordnen sich nicht – sie werden still. Nicht für immer. Nicht vollständig. Aber genug.
Genug, um klarer zu sehen, wer ich bin und wer ich vielleicht noch werden will.
Pippi brauchte dafür ein Pferd.
Ich brauche feste Schuhe, den Wald – und das entschlossene Schweigen meines Handys in der Jackentasche.
Nicht schlecht für jemanden, der zu klein war.
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