Es gibt Momente, in denen man in einem ganz normalen Drogeriemarkt steht und sich fragt, ob man versehentlich in eine Parallelwelt geraten ist. Eine Welt, in der Flüssigkeiten in Plastikflaschen als Mahlzeiten gelten und Pulver in Tüten das Ende der Kochkunst einläuten.
Ich wollte Wattepads kaufen. Ich kam mit einer Lebensphilosophie heraus.
Denn da stand es. Auf einer Flasche mit bräunlicher Flüssigkeit. In großen, selbstbewussten Druckbuchstaben:
THIS IS FOOD.
Ich schaute auf die Flasche. Dann nochmal auf die Aufschrift. Dann wieder auf die Flasche.
Ist es das?
Oma hätte kurz geschaut – und dann gelacht Meine Großeltern, Jahrgang 1909, haben eine Weltwirtschaftskrise und einen Weltkrieg überlebt. Sie wussten was echter Hunger ist. Sie wussten was echtes Essen ist. Hätte man ihnen diese Flasche gereicht, hätten sie – nach einem kurzen verwunderten Blick – gefragt: „Kind, bist du krank? Soll ich dir eine Suppe kochen?“ Meine Eltern, Jahrgang 1940, hätten schlicht gefragt: „Aber wo ist das Essen?“ Gute Frage. Verdammt gute Frage.
Der Kilopreis-Moment der Erleuchtung Dann kam mein persönlicher Lieblingsmoment im Supermarkt: der Kilopreisblick. 25 Euro. 35 Euro. Ein besonders ambitioniertes Produkt: 42 Euro pro Kilo. 42 Euro pro Kilo. Für Pulver. Das man in Wasser auflöst. Das nach nichts schmeckt. Das man nicht kauen kann. Das aussieht wie das, was übrig bleibt, wenn man Essen vergisst. Für 42 Euro pro Kilo bekomme ich feinstes Bio-Lamm. Ich kann es anfassen. Daran riechen. Es braten, würzen, schlemmen. Und – revolutionärer Gedanke – ich darf dabei meine Zähne benutzen. Ich musste innerlich lachen. Dieses tiefe, staunende Lachen, das einen überkommt wenn man begreift, dass die Welt vollkommen verrückt geworden ist.
Mein Rezept für den perfekten Diätshake Ich habe zuhause kurz nachgedacht. Und eine bahnbrechende Erkenntnis gewonnen: Man nehme Naturjoghurt. Verdünne ihn mit etwas Wasser. Gebe einen Spritzer Zitrone dazu. Fertig. Selbstgemachter Shake. Mehr Nährstoffe. Echter Geschmack. Kalorienärmer als das Regalprodukt. Kosten: Etwa 80 Cent. Aber das lässt sich natürlich nicht mit einem englischen Namen versehen, in eine Hochglanzflasche füllen und für 35 Euro pro Kilo verkaufen. Also vergessen wir das schnell wieder.
Was mein Körper wirklich denkt Ich bin eine Frau über 50. Mein Körper und ich haben eine lange, manchmal turbulente, aber ehrliche Beziehung. Und er hat mir in all den Jahren nie – wirklich nie – gesagt: „Bitte gib mir etwas, das ich nicht kauen muss.“ Denn Kauen ist kein lästiger Zwischenschritt. Kein archaisches Überbleibsel der Evolution, das die Nahrungsmittelindustrie endlich für uns abgeschafft hat. Kauen ist Teil des Essens. Es beginnt die Verdauung. Es gibt dem Gehirn Zeit zu begreifen, dass Nahrung angekommen ist. Das Knacken einer frischen Karotte. Das Zerbeißen von echtem Brot mit echter Kruste. Das langsame, genussvolle Kauen von etwas, das tatsächlich nach etwas schmeckt. Das ist kein Luxus. Das ist Essen.
Die einfachste Ernährungsregel der Welt Iss Dinge, die aussehen wie das, was sie sind. Dinge, die deine Großmutter erkannt hätte. Dinge, bei denen du kauen darfst – ja, sogar musst. Eine Tomate sieht aus wie eine Tomate. Ein Ei wie ein Ei. Haferflocken wie Haferflocken. Eine braune Flüssigkeit in einer Plastikflasche sieht aus wie… nun ja. Entscheiden Sie selbst. Mein Körper weiß was er bekommt, wenn ich ihm echte Zutaten gebe. Er muss sie nicht erst entschlüsseln. Er kennt sie – seit Jahrtausenden. Kein Körper wurde jemals für Pulver in Plastikflaschen optimiert. Auch meiner nicht. Auch deiner nicht. This is Food? Nein. Das da drüben – das ist Food.

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