Was ich mit über 50 auf einem Wassersofa an der türkischen Riviera über meine eigene Zerbrechlichkeit gelernt habe

Was ich mit über 50 auf einem Wassersofa an der türkischen Riviera über meine eigene Zerbrechlichkeit gelernt habe

Es gibt diese Angebote am Strand, an denen man als vernünftiger Mensch eigentlich vorbeigehen sollte. Ich meine dieses aufgeblasene Ding, das sich Wassersofa nennt, ein Gebilde aus zwei Schlaufen und viel zu viel Optimismus, das von einem Motorboot mit gnadenloser Geschwindigkeit übers Meer gezogen wird, während man sich daran festkrallt wie an das letzte bisschen Verstand, kreischt, jauchzt, und am Ende, durchnässt und außer Atem, glücklich ist, diese selbstgewählte Tortur überstanden zu haben. Freiwillig gebucht. Freiwillig bezahlt.
 
Ich, über fünfzig, dachte: Warum eigentlich nicht.

Das Unheil nahm seinen Lauf.

Ich flog über harte Wellen, wie es sich für ein Wassersofa gehört, das seinem Namen so gar nicht gerecht wird. Und dann, ohne Vorwarnung, hob ich ab. Krachte zurück aufs Sofa. Und bekam keine Luft mehr.
 
Mein Rücken sendete diesen einen, sehr eindeutigen, stechenden Schmerz, der einem sofort klarmacht: Da ist etwas kaputt. Da wäre was gebrochen, dachte ich, noch während ich versuchte, überhaupt wieder zu atmen. Wie ein nasser Sack wurde ich an Land geschleppt. Bewegungsunfähig. Ein Rollstuhl brachte mich ins Hotel, ein Krankentransporter weiter in eine Klinik.
 
Zwei Stunden lag ich dort, im nassen Bikini, unter einer Klimaanlage, die offenbar auf „sibirischer Winter“ eingestellt war. Das Vertrauen in die anatolische Touristenmedizin nahm in dieser Zeit stetig ab. Der Frust darüber ließ mich zumindest irgendwann wieder aus dem Rollstuhl aufstehen. Der Schmerz war unerträglich. Die Kälte, muss ich zugeben, war es fast noch mehr.
 
Man verabreichte mir eine Liste mit Schmerzmitteln. Und Ruhe. Was auch sonst – ich konnte mich kaum bewegen. Wieder mal eine Bandscheibe, die sich verabschiedet, dachte ich. Kenn ich ja schon. Dennoch ließ ich mein tägliches Krafttraining an diesem Tag lieber ausfallen. Ausnahmsweise

Zurück in Deutschland: Dankbarkeit über einen schnellen MRT Termin .

Ergebnis: Deckplattenimpressionsfraktur. Bone bruise. Knochenmarksödem. Der LWS 2 Wirbelkörper war gebrochen. Aber: ein stabiler Bruch, der keine Langzeitschäden mit sich zieht.
 
Unter keinen Umständen Sport, sagte die Ärztin. Und ich hatte, das musste selbst sie zugeben, großes Glück gehabt. Keine Gefahr, dass Knochensplitter absplittern und ins Rückenmark eindringen.
 
Ich bin haarscharf an einem Leben im Rollstuhl vorbeigeschrammt.
 
Das erst einmal zu begreifen – das ist nicht leicht. Und gleichzeitig, ja, erleichternd. Wie zerbrechlich ein eigentlich intakter Körper sein kann. Das ist mir in diesem Moment mit einer Klarheit bewusst geworden, die ich mir so nie gewünscht hätte, und die ich trotzdem nicht mehr missen möchte.
 
Die Heilung eines Wirbelbruchs ist langwierig. Dauert deutlich länger als ein gewöhnlicher Knochenbruch. Aber er wird heilen. Und das ist, wenn man kurz vor dem Rollstuhl stand, die einzige Zeile, die wirklich zählt.

Fazit: Derart idiotische Angebote des sogenannten Spasswassersports werde ich fortan weiträumig umschiffen.

Welche Erfahrung in deinem Leben hat dich an deine körperliche Zerbrechlichkeit erinnert? Wofür bist du dankbar? Schreibe mir DEINE Erfahrung!

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