Kennst du dieses schleichende, dumpfe Gefühl? Es nistet sich klammheimlich im Kopf ein. Es fängt an, Besitz von deiner geistigen Klarheit zu ergreifen. Ein permanentes Zwangsgrübeln. Gedanken, die im Kreis fahren und einfach niemals auf den Punkt kommen. Nach außen hin funktionierst du tadellos. Du gehst einkaufen, triffst Freunde, lächelst. Alles wirkt normal. Doch im Inneren herrscht dichter Nebel.
Woher kommt der Grübelzwang?
Ich selbst bin jetzt 53. Ich habe das Gefühl, dieses obsessive Nachdenken quasi mit der ostwestfälischen Muttermilch aufgesaugt zu haben. „Es liegt eben in den Genen“, sagt man dann gerne. Niemand kann etwas dafür. Nun, ich bin keine Ärztin. Ich komme vom Bauernhof, und da gelten ohnehin eigene Gesetze. Man denke nur an die vielen Bauernregeln, die für jede Lebenslage eine scheinbare Wahrheit bereithalten.
Schon vor 40 oder 50 Jahren, als Kind auf dem Hof, war ich fasziniert vom Verhalten der Älteren. Meine Oma war mein liebstes Studienobjekt. Sie konnte stundenlang einfach nur dasitzen. Im Sommer saß sie im Schatten unter der großen Linde im Garten. Bei Regen zog sie sich in den Sessel ihrer Stube zurück. Manchmal saß sie auch auf einem klapprigen Holzstuhl mitten zwischen den Johannisbeerbüschen.
Sie tat dabei scheinbar nichts. Ihre Hände waren ineinandergefaltet, und sie drehte Däumchen. Minutenlang in die eine Richtung. Dann, völlig ohne Vorankündigung, wechselte sie die Richtung. Ab und zu brummelte sie leise Klagelaute vor sich hin. Ein gedehntes „Weiß nicht… hach… neeein…“ hallte dann durch den Garten. Ich habe mich damals als Kind immer gefragt, welche tiefgreifenden, weltbewegenden Problematiken man wohl ausgerechnet zwischen zwei Johannisbeerbüschen zu lösen versucht.
Heute, ein halbes Jahrhundert später, verstehe ich sie besser. Mein eigener Kopf ist oft randvoll mit Problemen, die mich komplett einnehmen. Für Außenstehende sind es wahrscheinlich Banalitäten. Für mich selbst sind es in diesen Momenten Grübeleien von existenzieller Bedeutung.
Aber warum ist das so? Warum verlieren wir uns heute so sehr in diesem mentalen Labyrinth?
Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Omas Grübeln und unserem heutigen Zustand. Wenn wir heute den Kopf ausschalten wollen, brauchen wir harte Bandagen.
Wir betäuben uns.
Wir scrollen stundenlang durch soziale Medien, streamen eine Serie nach der nächsten oder stürzen uns in permanente Beschäftigung. Oma reichte es völlig, zu sitzen, Däumchen zu drehen und ein paar Seufzer auszustoßen.
Und genau hier liegt der Impuls, das große Aha-Erlebnis für uns heute.
Oma hat damals nicht versucht, die Probleme der Welt im Kopf digital zu lösen.
Ihr Däumchendrehen war kein Zeichen von Hilflosigkeit. Es war ihr persönliches Ventil. Es war die analoge Ur-Form des heutigen „Achtsamkeitstrends“. Indem sie die Daumen kreisen ließ, gab sie der Unklarheit einen physischen Raum, ohne sich von ihr erdrücken zu lassen. Das monotone Drehen lenkte den überreizten Verstand ab, während das laute Seufzen den Druck aus der Brust nahm. Sie hielt die Unklarheit einfach aus, anstatt sie mit Reizen zu übertönen.
Wenn sich das nächste Mal der Nebel in deinem Kopf ausbreitet und du nach außen nur die Fassade hältst: Such dir deinen eigenen Johannisbeerbusch. Leg das Smartphone weg. Schalte den Fernseher aus. Lass die Finger kreisen und erlaube dir ein ehrliches, tiefes „Hach, neeein“. Klarheit entsteht nicht, indem wir den Lärm im Kopf mit noch mehr Lärm betäuben. Klarheit entsteht, wenn wir wie Oma den Mut haben, einfach mal sitzenzubleiben, bis der Sturm vorbeigeht.
Klarheit entsteht, wenn Stille ausgehalten werden kann.
Übung: Setze dich wie meine Oma hin und drehe Däumchen. Stell dir vor, alles löst sich nun an Spannungen in dir auf, die Drehbewegung deiner Daumen erfüllt dich ganz im Moment. Steigere die Konzentration, indem du einen herzhaften Klagelaut rauslässt. Schreibe mir deine Erfahrung in den Kommentaren!
